{"id":560,"date":"2010-03-14T09:33:21","date_gmt":"2010-03-14T07:33:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.laurasalm.com\/?p=560"},"modified":"2019-11-30T10:49:48","modified_gmt":"2019-11-30T08:49:48","slug":"kalkutta-die-stadt-der-schwarzen-gottin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.laurasalm.com\/?p=560","title":{"rendered":"Kalkutta. Die Stadt der schwarzen G\u00f6ttin"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.laurasalm.com\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/kalkutta.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-564\" alt=\"Kalkutta\" src=\"https:\/\/www.laurasalm.com\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/kalkutta.jpg\" width=\"560\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/www.laurasalm.com\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/kalkutta.jpg 560w, https:\/\/www.laurasalm.com\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/kalkutta-300x123.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Hupen ist f\u00fcr die Bewohner Kalkuttas gleichbedeutend mit Atmen. Es geht nicht ohne. \u201eHuuup,huuup, hup\u201c, t\u00f6nt es Tag und Nacht durch die Strassen der Metropole im Nordosten Indiens. Nicht kurz und zaghaft, sondern lange und laut. Man sagt, dass die Stra\u00dfen Kalkuttas leer w\u00e4ren, w\u00fcrde man den Bewohnern ihre geliebte Hupe wegnehmen. Doch vielleicht ist es f\u00fcr sie die einzige M\u00f6glichkeit sich in dieser heillos \u00fcberbev\u00f6lkerten Stadt mit etwas \u00fcber f\u00fcnf Millionen Einwohnern, im Gro\u00dfraum Kalkutta sind es sogar \u00fcber 15 Millionen, Geh\u00f6r zu verschaffen.<!--more--><\/p>\n<div>Seit der Unabh\u00e4ngigkeit Indiens und der daraus folgenden Staatsteilung von Bengalen im Jahr 1947 erlebte die Stadt einen nicht enden wollenden Zufluss von Menschen. Hindus flohen aus dem muslimischen Ost-Pakistan, das sp\u00e4ter zu Bangladesch wurde. Danach folgten die Bauern und Landarbeiter, in der Hoffnung in der bengalischen Hauptstadt der Armut und dem Hunger zu entfliehen. Und nun kommen tags\u00fcber noch Millionen Pendler hinzu. Morgens sp\u00fclt es die Fabrikarbeiter, B\u00fcroangestellten, Handwerker und H\u00e4ndler aus den Z\u00fcgen auf die Gleise des Haora-Bahnhofs. Wie der schlammige Hugli-Fluss, ein Seitenarm des Ganges, bahnt sich der Menschenstrom seinen Weg \u00fcber die st\u00e4hlerne Haora-Br\u00fccke und verteilt sich auf die Strassen, Werkst\u00e4tten, Gark\u00fcchen und B\u00fcroh\u00e4user.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>M\u00e4nner jonglieren auf ihren K\u00f6pfen K\u00f6rbe voller Ananas, Mangos und Tomaten. Ein Junge hat ein paar DVDs mit Bollywood-Schinken und amerikanischen Action-Streifen am Boden vor sich auf einem Tuch ausgebreitet. Potentielle Kunden werden von den nachr\u00fcckenden Passanten weitergedr\u00e4ngt. Handwerker drechseln Holzsockel, schlagen Kupfersch\u00fcsseln aus und formen Figuren aus Stroh und Ton, die zu Ehren der G\u00f6ttin Durga im Hugli versenkt werden. Bettler halten den Passanten ihre leeren H\u00e4nde hin. Lahme Ochsenkarren, \u00fcberladene Lastw\u00e4gen, rostige Stra\u00dfenbahnen, bunte Tata-Busse und schwarz-gelbe Ambassador-Taxis verkeilen sich auf den holprigen Stra\u00dfen. Nur die barf\u00fc\u00dfigen Rikscha-Wallahs finden immer eine L\u00fccke.Es ist kein Ort, an dem man als Reisender mit dem F\u00fchrer in der Hand die Sehensw\u00fcrdigkeiten sucht. Vielmehr l\u00e4sst man sich Treiben; sich einnehmen von der Stadt, die ihrem Ruf nach eigentlich abgrundtief h\u00e4sslich sein m\u00fcsste und doch so faszinierend sch\u00f6n ist. Dem Chaos, dem L\u00e4rm und der Armut trotzt die Gelassenheit der Menschen, die sich mit allen Widrigkeiten auf ihre eigene Art arrangieren. So wie der Stempelverk\u00e4ufer in der einst mond\u00e4nen, heute etwas heruntergekommenen Park Street im Herzen der Stadt. \u201eDas ist mein B\u00fcro,\u201c sagt er und zeigt stolz auf seinen kleinen mit Stempel und Stempelkissen beladenen Klapptisch und h\u00e4lt dem Kunden eine Visitenkarte entgegen. Darauf stehen Stra\u00dfenname und Hausnummer des Geb\u00e4udes, vor dem er seinen Stand aufgebaut hat. Es ist einer der besten Adressen in der Stadt. In den Restaurants und Clubs des Viertels Chowringhee, dessen T\u00fcren einem von uniformierten Portiers aufgehalten werden, speisen und am\u00fcsieren sich die wohlhabenden Bengalen. Intellektuelle, K\u00fcnstler und Studenten besuchen die zahlreichen Kaffeeh\u00e4user. Wer es sich leisten kann, kauft in den modernen L\u00e4den feine indische Sari-Stoffe oder Kleider internationaler Labels ein. Gigantische Villen, H\u00e4user und Pal\u00e4ste, erbaut von indischen Aristokraten oder den englischen Kolonialherren, reihen sich entlang der breiten Stra\u00dfen und Boulevards im Zentrum. Im 19. Jahrhundert wurde Kalkutta dank pr\u00e4chtiger Bauten wie St. Paul\u2019s Cathedral, dem Indischen Museum, dem Marmor Palast oder dem Great Eastern Hotel auch \u201eStadt der Pal\u00e4ste\u201c genannt. Mit dem Umzug der Kolonialhauptstadt in das zentraler gelegene Delhi im Jahr 1911, ging es mit der Metropole am Hugli jedoch stetig bergab.Beim Anblick der bauf\u00e4lligen Villen, die sich hinter l\u00f6chrigen Mauern verstecken, ist der Glanz von damals nur noch zu erahnen. Das architektonische Erbe wird zu gro\u00dfen Teilen sich selbst \u00fcberlassen, ger\u00e4t in Vergessenheit. In manchen F\u00e4llen ist das Besitzverh\u00e4ltnis nicht gekl\u00e4rt, in anderen fehlt es einfach an Interesse oder Geld.In einem der alten Pal\u00e4ste an der Park Street lebt Sajid Meerza. Wie selbstverst\u00e4ndlich l\u00e4dt er neugierige Besucher in sein Heim ein. Nur ein paar R\u00e4ume werden bewohnt. Der 35-J\u00e4hrige zeigt auf eine, mit einer gro\u00dfen Kette verschlossene T\u00fcr. \u201eDahinter ist der Saal, wo fr\u00fcher die gro\u00dfen Feste gefeiert wurden\u201c, erz\u00e4hlt er. Das Haus soll den Nawabs von Murshidabad geh\u00f6rt haben. Die Geschichte dieser Herrscher von Bengalen ist eng mit der Kalkuttas verbunden. 1756 eroberte der damalige Nawab den noch kleinen Handelsst\u00fctzpunkt von den Engl\u00e4ndern und lie\u00df seine Gefangenen in einen dunklen, engen Raum stecken, der heute als \u201eSchwarzes Loch\u201c zu einer Legende geworden ist. \u00dcber Nacht erstickten vierzig der dort Eingesperrten. Diese Schmach lie\u00dfen die Briten nicht auf sich sitzen und holten sich die Stadt am Hugli bald wieder zur\u00fcck. Fortan zogen die Kolonialherren die F\u00e4den ihrer Marionetten-Herrscher.Vom n\u00e4chsten Zimmer k\u00f6nnte man durch eine Glast\u00fcr die Terrasse betreten. K\u00f6nnte, weil ein Loch, so gro\u00df wie ein Auto, im Boden prangt. W\u00e4sche h\u00e4ngt an einer Leine, die \u00fcber das Loch gespannt wurde. B\u00e4ume wachsen aus den Bruchstellen und Schlingpflanzen ranken sich an den br\u00f6ckelnden S\u00e4ulen empor. Die opulente Pracht von einst ist dem m\u00e4rchenhaften Charme des Zerfalls gewichen.<\/p>\n<p>\u201eEs ist ein unglaublicher Aufwand und kostet viel Geld diese alten Bauten zu erhalten\u201c, wei\u00df David Purdy, der Chef des kleinen traditionsreichen Old Kenilworth Hotels, aus eigener Erfahrung. \u201eAllein die Au\u00dfenw\u00e4nde m\u00fcssen wegen des Monsoon zweimal im Jahr gestrichen werden\u201c, sagt der 43-J\u00e4hrige. Er sitzt im Garten hinter seinem Hotel. V\u00f6gel zwitschern, der schwere, s\u00fc\u00dfe Duft von Blumennektar liegt in der Luft, Purdys Labrador wedelt faul mit seinem Schwanz. Die hohen B\u00e4ume werfen ihre Schatten auf das kleine St\u00fcckchen Rasen hinter dem frisch get\u00fcnchten Kolonialbau. Ein paar Quadratmeter Paradies inmitten einer Mega-Stadt wie Kalkutta. Ende der 1940er Jahre er\u00f6ffneten Purdys englisch-armenische Gro\u00dfeltern das Hotel, seit sechs Jahren leitet er es nun. Gerne erz\u00e4hlt er, die Geschichte von einem Gast, der im Hotel wohnte, als seine Mutter es noch f\u00fchrte. Diese musste mit ansehen, wie der Mann Nacht f\u00fcr Nacht stundenlang auf einem Stuhl im Garten sa\u00df. Voller Sorge er f\u00fchle sich in seinem Zimmer nicht wohl, fragte sie ihn, ob denn alles in Ordnung sei. \u201eWissen sie denn nicht, dass sie 80 verschiedene Vogelarten in ihrem Garten haben?\u201c, fragte er seine Gastgeberin aufgeregt und erkl\u00e4rte ihr, dass er Ornithologe sei und die fr\u00fchen Morgenstunden dazu nutze die V\u00f6gel zu beobachten. Seit dem sch\u00e4tzt Purdy sein St\u00fcckchen Gr\u00fcn ganz besonders.<\/p>\n<p>Wer keinen eigenen Garten hat verbringt seine Freizeit auf dem Maidan, dem gr\u00fcnen Herzst\u00fcck Kalkuttas. Die Rasenfl\u00e4che dient als Kricketfeld, Reitkoppel und Picknickplatz. Verk\u00e4ufer mit Handwagen versorgen die Hungrigen mit K\u00f6stlichkeiten wie Behlpuri mit saurem Tamarindensaft, frisch ger\u00f6steten Erdn\u00fcssen mit Chilisalz oder in knusprigen Teig geh\u00fcllte Gem\u00fcsest\u00fcckchen. Aus Teekannen gie\u00dfen die Chai-Wallah milchig s\u00fc\u00dfen Tee in kleine Gl\u00e4ser, andere locken mit frischem Limetten-Soda. Inmitten des Geschehens thront das majest\u00e4tische Viktoria-Denkmal. Der Kolossalbau aus wei\u00dfem Marmor wurde 1921 er\u00f6ffnet, als Kalkutta noch britisch war. B\u00f6se Zungen nennen es einen misslungenen Versuch der Kolonialherren, den Taj Mahal in Agra zu \u00fcbertrumpfen. Dennoch bilden sich vor dem Museum jedes Wochenende lange Schlangen. Stoisch wird hier angestanden und man fragt sich woher, die Menschen Kalkuttas ihre Mu\u00dfe nehmen, nach einer Woche des Staustehens, des Dr\u00e4ngens in den Stra\u00dfen-, U-Bahnen und Bussen, sich auch am Wochenende in eine Reihe zu stellen und zu warten.<\/p>\n<p>Vielleicht nehmen sie sich ein Beispiel an Kali, der Schutzg\u00f6ttin Kalkuttas, die der Welt ihre rote Zunge rausstreckt, ganz nach dem Motto \u201e\u00c4tsch! Wer glaubt wir geben wegen ein paar Widrigkeiten auf, hat sich get\u00e4uscht.\u201c Bildchen der schwarzen G\u00f6ttin werden an B\u00e4ume genagelt. Blumenbeschm\u00fcckte, weihrauchumwaberte Alt\u00e4re stehen in Gesch\u00e4ften und Zimmerecken. Doch der wichtigste Ort der Verehrung befindet sich in Kalighat im S\u00fcden Kalkuttas, da wo der Verkehr noch dichter, die Strassen schmaler, die Armut gr\u00f6\u00dfer und das Chaos \u00fcberw\u00e4ltigender werden. Irgendwann gelangt man zu einem gro\u00dfen Platz. Auf dem Boden lagern M\u00e4nner, Frauen, alte Weiber, kleine Kinder, Kr\u00fcppel und Bettler. Sie hoffen auf die Almosen der gl\u00e4ubigen Hindus, die den Tempel Kalis besuchen, gleicherma\u00dfen wie auf die Barmherzigkeit der Schwestern des Ordens von Mutter Teresa. Denn hier neben dem hinduistischen Heiligtum, ist das Sterbehaus des Todesengels von Kalkutta in einem alten Tempel untergebracht. Rund um den Platz reihen sich St\u00e4nde mit orange und gelben Opferblumen, religi\u00f6sen Artefakten, Kupfergef\u00e4\u00dfen und Anh\u00e4ngern, Bildern und Postkarten der drei\u00e4ugigen Kali, ihr Hals geschm\u00fcckt von einer Kette aus abgeschlagenen K\u00f6pfen, besch\u00fcrzt von einem Rock aus Armen. Die heilige Figur aus einem schwarzen Stein mit einer langen goldenen Zunge aus Gold, behangen von T\u00fcchern und frischen Blumen, sitzt in einem kleinen Raum im Innersten der Tempelanlage. Eine nicht enden wollende Schlange von Pilgern schiebt sich an ihr vorbei. Doch auch hier zeigen sich die Menschen stoisch, um auch nur einen Blick auf Kalis Antlitz zu erhaschen und kurz Zwiesprache mit ihr zu halten. Vielleicht weil sie sich hier g\u00f6ttliches Geh\u00f6r verschaffen k\u00f6nnen, ganz ohne auf die Hupe zu dr\u00fccken.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hupen ist f\u00fcr die Bewohner Kalkuttas gleichbedeutend mit Atmen. Es geht nicht ohne. \u201eHuuup,huuup, hup\u201c, t\u00f6nt es Tag und Nacht durch die Strassen der Metropole im Nordosten Indiens. Nicht kurz und zaghaft, sondern lange und laut. Man sagt, dass die Stra\u00dfen Kalkuttas leer w\u00e4ren, w\u00fcrde man den Bewohnern ihre geliebte Hupe wegnehmen. 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