{"id":535,"date":"2013-01-13T19:24:15","date_gmt":"2013-01-13T17:24:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.laurasalm.com\/?p=535"},"modified":"2019-11-30T10:49:02","modified_gmt":"2019-11-30T08:49:02","slug":"endlich-ist-die-nation-aufgewacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.laurasalm.com\/?p=535","title":{"rendered":"&#8220;Endlich ist die Nation aufgewacht&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.laurasalm.com\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/16_Dharavi.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-536 alignnone\" src=\"https:\/\/www.laurasalm.com\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/16_Dharavi.jpg\" alt=\"Frauen in Dharavi\" width=\"560\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/www.laurasalm.com\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/16_Dharavi.jpg 1641w, https:\/\/www.laurasalm.com\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/16_Dharavi-300x123.jpg 300w, https:\/\/www.laurasalm.com\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/16_Dharavi-1024x419.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a title=\"Gewalt gegen Frauen in Indien\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/indien-frauen-im-slum-von-mumbai-kaempfen-gegen-gewalt-a-876551.html\" target=\"_blank\">Spiegel Online<\/a><br \/>\n<em id=\"__mceDel\"><a title=\"Gewalt gegen Frauen in Indien\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/indien-frauen-im-slum-von-mumbai-kaempfen-gegen-gewalt-a-876551.html\" target=\"_blank\"><strong>Gewalt gegen Frauen in Indien<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Weibliche F\u00f6ten werden in Indien zu Tausenden abgetrieben, M\u00e4dchen benachteiligt, Gewalt ist an der Tagesordnung. Im Slum Dharavi begehren die Frauen nun auf &#8211; gegen eine Unterdr\u00fcckung, die so allt\u00e4glich war, dass sie kaum noch wahrgenommen wurde.<\/strong><\/p>\n<p>Noch etwas unbeholfen h\u00e4lt Selvi* ihr kleines M\u00e4dchen in ihren Armen. Sie zupft das w\u00e4rmende Deckchen zurecht, streichelt vorsichtig \u00fcber die d\u00fcnnen Beinchen ihres Kindes. Nicht einmal einen Monat ist es alt und hat noch keinen Namen. Wenn es nach Selvis Mann ginge, g\u00e4be es das Kind gar nicht. Denn das Letzte was der IT-Ingenieur aus Dharavi, dem Slum im Herzen Mumbais, wollte, war ein M\u00e4dchen. Da waren er und seine Mutter sich einig.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Also dr\u00e4ngten sie Selvi w\u00e4hrend ihrer Schwangerschaft zu einer Ultraschalluntersuchung, um das Geschlecht des Kindes festzustellen. Offiziell ist das verboten und doch werden in Indien jedes Jahr Tausende F\u00f6ten abgetrieben, nur weil sie M\u00e4dchen sind. Schon im Mutterleib beginnt der lange Leidensweg von Indiens Frauen.<br \/>\nDie Gesellschaft will S\u00f6hne, Stammhalter und Erben. Keine T\u00f6chter, f\u00fcr die man teure Mitgift bezahlen muss und die sich im Alter dann doch nur um die Schwiegereltern k\u00fcmmern. T\u00f6chter gro\u00df zu ziehen ist wie des Nachbarn Gartens zu w\u00e4ssern, sagt ein indisches Sprichwort.<\/p>\n<p>Doch nun beginnt das Patriarchat zu br\u00f6ckeln. Nirgends l\u00e4sst sich das besser beobachten als in Dharavi &#8211; Indiens Vielfalt konzentriert auf zwei Quadratkilometer Slum inmitten der Wirtschaftsmetropole Mumbai. Dort leben Aufsteiger und Verlierer, Kastenlose und Brahmanen, einstige Dorfgr\u00f6\u00dfen im Nichts der Megastadt.<\/p>\n<p>Selvi ist in Dharavi aufgewachsen, ihre Tochter wollte sie unbedingt behalten. &#8220;Ich habe mich geweigert zum Ultraschall zu gehen&#8221;, erz\u00e4hlt sie. &#8220;W\u00e4re w\u00e4hrend der Schwangerschaft herausgekommen, dass es ein M\u00e4dchen ist, h\u00e4tte mein Mann und meine Schwiegermutter mich zu einer Abtreibung gezwungen&#8221;. Selvis Entscheidung erz\u00fcrnte ihren Mann so sehr, dass er auf ihren schwangeren Bauch einpr\u00fcgelte, sie zu schwerer Arbeit zwang, in der Hoffnung, sie w\u00fcrde ihr Kind verlieren.<\/p>\n<p>Doch Selvi zeigte ihren Mann bei der Polizei an, zog zur\u00fcck zu ihrer Mutter und suchte Hilfe bei Nayreen Daruwalla.<\/p>\n<p>Die Sozialpsychologin ist Leiterin von Sneha, einer Organisation in Dharavi, die sich gegen Gewalt an Frauen und Kindern einsetzt. Sneha ist dem \u00f6rtlichen Krankenhaus angegliedert. Daruwalla erz\u00e4hlt, dass die Organisation gegr\u00fcndet wurde, weil man den Frauen einfach nicht mehr glauben wollte, sie h\u00e4tten sich die ganzen Verletzungen bei der Hausarbeit zugef\u00fcgt. Die Frauen sollten gegen ihre pr\u00fcgelnden M\u00e4nner aufbegehren, aussprechen, was in jedem zweiten Haushalt passiert. Sneha unterst\u00fctzt sie und hat die Polizei dazu gebracht, gegen die Schl\u00e4ger und Vergewaltiger vorzugehen, anstatt zu argumentieren, die Frauen h\u00e4tten die Vergewaltigung provoziert.<\/p>\n<p>Ein M\u00e4dchen in Dharavi wurde von zw\u00f6lf M\u00e4nnern vergewaltigt<\/p>\n<p>Vorf\u00e4lle gab es in Dharavi mehr als genug. Darunter auch solche, die nicht minder brutal waren als jene Vergewaltigung einer 23-J\u00e4hrigen in Neu-Delhi, die nun die ganze Nation schockiert.<\/p>\n<p>Erst vor zwei Monaten sei ein 18-j\u00e4hriges M\u00e4dchen in Dharavi von zw\u00f6lf M\u00e4nnern vergewaltigt und zu Tode gequ\u00e4lt worden, sagt Daruwalla. Doch ihre Eltern wollten keine Anzeige gegen die M\u00e4nner erstatten: Ihre Tochter sei ohnehin tot, sie m\u00fcssten an die Zukunft ihrer anderen Kinder denken, so die Argumentation. Eine solche Denkweise ist der Freibrief f\u00fcr Sadisten und Vergewaltiger, sich an Indiens Frauen zu vergehen &#8211; und ungestraft davonzukommen.<\/p>\n<p>&#8220;Hinter alldem steckt eine patriarchalische Mentalit\u00e4t&#8221;, sagt Daruwalla. &#8220;Das System erlaubt es den M\u00e4nnern sich zu verhalten, wie es ihnen passt. Wer ein Verbrechen begeht, hat ausreichend M\u00f6glichkeiten einer Strafe zu entkommen. Indien ist quasi gesetzlos&#8221;, so Daruwalla.<\/p>\n<p>Dabei gibt es Gesetze gegen K\u00f6rperverletzung, Vergewaltigung und der Abtreibung von M\u00e4dchen. Doch sie werden nicht angewendet. Richter oder Staatsanw\u00e4lte werden bestochen, und die Justiz ist tr\u00e4ge: H\u00e4ufig vergehen Jahre, bis es \u00fcberhaupt zur Verhandlung kommt.<\/p>\n<p>&#8220;Eltern wollen ihre T\u00f6chter so schnell wie m\u00f6glich loswerden&#8221;<\/p>\n<p>M\u00e4dchen werden von Geburt an schlechter behandelt als ihre Br\u00fcder. Von klein auf m\u00fcssen sie arbeiten, bekommen weniger zu essen und nur eine schlechte Ausbildung.<\/p>\n<p>&#8220;Bei mir zu Hause war das auch so&#8221;, erz\u00e4hlt Sunita. Die 25-J\u00e4hrige lebt zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern im zweiten Stock einer Wellblechh\u00fctte in einer engen Gasse im finsteren Wirrwarr Dharavis. &#8220;F\u00fcr meinen Bruder wurden neue Kleider gekauft. Ich musste die alten Sachen meiner Mutter tragen. Frauen, die M\u00e4dchen bekommen, werden von der Familie, den Nachbarn, der ganzen Gesellschaft immer wieder an ihr Versagen erinnert. Sie lassen dann ihren ganzen Frust an den T\u00f6chtern aus&#8221;.<\/p>\n<p>Als Sunita 14 war, wollte ihre Mutter sie an einen alten Mann verheiraten. Er war Alkoholiker. Um diesem Schicksal zu entgehen, lief Sunita mit dem Nachbarsjungen weg, der sie immerzu angestarrt hatte. &#8220;Ich wusste, dass mich das entehren und mich der alte Mann deshalb nicht mehr heiraten w\u00fcrde&#8221;, erinnert sie sich und f\u00fcgt hinzu: &#8220;Ich musste dann allerdings auch den Jungen, mit dem ich weggelaufen war, heiraten!&#8221; Zumindest hat dieser sie nur selten geschlagen.<br \/>\nEs war ein Akt des fr\u00fchen Widerstandes auf den Sunita heute stolz ist. Als Freiwillige ist sie nun f\u00fcr Sneha in Dharavi unterwegs. Sie trifft sich mit Frauen, macht ihnen Mut, sich gegen Benachteiligung und Misshandlung zu wehren. Immer mehr von ihnen wagen, ihre Stimme zu erheben.<\/p>\n<p>&#8220;Eltern wollen ihre T\u00f6chter so schnell wie m\u00f6glich loswerden&#8221;, erkl\u00e4rt Nitya, die 36-j\u00e4hrige Nachbarin von Sunita. In Indiens Gesellschaft, mit ihrer rigiden Sexualmoral, seien T\u00f6chter nicht nur eine finanzielle Last. Vielmehr h\u00e4tten Eltern auch Angst, dass ihre T\u00f6chter sexuell bel\u00e4stigt werden. Das w\u00fcrde die Ehre der Familie beschmutzen und das M\u00e4dchen f\u00e4nde nie im Leben einen Mann, so Nitya. Also verheiratet man die T\u00f6chter mit 15 oder 16 Jahren.<\/p>\n<p>&#8220;Wir wussten nicht, dass wir nein zu Sex mit unseren M\u00e4nnern sagen k\u00f6nnen&#8221;<\/p>\n<p>Aufkl\u00e4rung gibt es praktisch nicht. &#8220;Die M\u00e4dchen sind auf das, was die M\u00e4nner mit ihnen machen, nicht vorbereitet&#8221;, sagt Nitya. Erst vor kurzem kam eine junge Frau zu Sneha, die Bissmahle auf ihren Geschlechtsteilen hatte. Ihr Mann hatte sie ihr zugef\u00fcgt. Sie z\u00f6gerte lange, sch\u00e4mte sich zu sehr, als dass sie Hilfe suchte. Sie dachte, das Bei\u00dfen sei Teil des Geschlechtsverkehrs.<\/p>\n<p>&#8220;Fr\u00fcher wussten wir nicht, dass wir nein zu Sex mit unseren M\u00e4nnern sagen k\u00f6nnen. Das hat sich dank der Aufkl\u00e4rungsarbeit von vielen Organisationen, die hier in Dharavi arbeiten, ge\u00e4ndert&#8221;, so Nitya. Nun trauen sich auch Frauen untereinander \u00fcber ihre Probleme und \u00fcber Gewalt in der Ehe zu sprechen.<\/p>\n<p>Doch viele Frauen haben Sorge, dass ihr Kampf auf sie zur\u00fcckf\u00e4llt. Nitya glaubt daran: &#8220;Umso mehr wir f\u00fcr unsere Rechte k\u00e4mpfen, umso brutaler werden die M\u00e4nner. Schlie\u00dflich bedroht unser Erstarken das patriarchale System&#8221;.<\/p>\n<p>Der \u00f6ffentliche Aufschrei, den der Fall in Delhi erzeugt hat, ist von gro\u00dfer Bedeutung. Er nimmt den Schl\u00e4gern und Vergewaltigern ihre Sicherheit, wirft ein Licht auf ihre verkommene Moral, auf eine korrumpierte Polizei und Justiz.<\/p>\n<p>&#8220;Die ganze Nation ist aufgewacht!&#8221;, sagt Daruwalla, die Leiterin von Sneha.<br \/>\nSelvi, die trotz Pr\u00fcgel ihre Tochter zur Welt brachte, will ihrem Mann das Baby bald zeigen; sie vertraut darauf, dass er weich werden und das Kind annehmen wird. Dann werde sie ihm verzeihen und zu ihm zur\u00fcckkehren, versichert sie.<\/p>\n<p>&#8220;Mein Mann ist unschuldig. Unsere Gesellschaft hat ihn dazu getrieben, sich so zu verhalten&#8221;, sagt die junge Mutter.<\/p>\n<p>* Name von der Redaktion ge\u00e4ndert<\/p>\n<p>Das <a title=\"Pulitzer Center On Crisis Reporting\" href=\"http:\/\/pulitzercenter.org\/\" target=\"_blank\">Pulitzer Center on Crisis Reporting<\/a> hat die Autoren bei ihrer Recherche unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><a title=\"SNEHA\" href=\"http:\/\/www.snehamumbai.org\/\" target=\"_blank\">www.snehamumbai.org<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiegel Online Gewalt gegen Frauen in Indien Weibliche F\u00f6ten werden in Indien zu Tausenden abgetrieben, M\u00e4dchen benachteiligt, Gewalt ist an der Tagesordnung. Im Slum Dharavi begehren die Frauen nun auf &#8211; gegen eine Unterdr\u00fcckung, die so allt\u00e4glich war, dass sie kaum noch wahrgenommen wurde. Noch etwas unbeholfen h\u00e4lt Selvi* ihr kleines M\u00e4dchen in ihren Armen. 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